Saarbrücker Zeitung vom 28.04.2005

Mit Geigen gegen Pisa
  Beim Musizieren zuhören lernen
 
von SZ-Mitarbeiterin Gabi Szarvas
An der Geislauterner Schlossparkschule läuft seit sechs Monaten ein bundesweit einmaliges Projekt: Alle 24 Kinder einer ersten Klasse lernen ein Streichinstrument. Den Anstoß dazu gab Musiklehrer Bernhard Hayo, der dem Projekt auch den griffigen Titel "Mit Geigen gegen Pisa" gab.
  
Laura, Lea, Alessandra, Sven und Tuba (von links) üben - Lehrer Bernhard Hayo schaute mit der Kamera zu. Foto: sz

Geislautern. Mit einem gut gelaunten "Guten Morgen, lieber Herr Hayo" beginnt er, der Unterricht der 24 Erstklässler der Schlosspark-Grundschule in Völklingen-Geislautern. Bis dahin ein Alltag, wie sie ihn mit vielen Schulneulingen teilen. Was aber ansonsten in dieser ersten Stunde auf die quirlige Kinderschar wartet, ist in der bundesdeutschen Grundschullandschaft bislang einmalig. Jeden Morgen um kurz nach acht heißt es für die 24 Kids seit einem halben Jahr nämlich nicht ran an Stifte, Mathehefte oder Lesefibeln, sondern Schranktüren auf für die 24 Streichinstrumente: sprich Geigen, Bratschen und Celli, die Seite an Seite ihres täglichen Einsatzes harren. Inzwischen geht es auch schon flott mit dem Verteilen und Stimmen. Jeder erkennt sein Instrument auf Anhieb, ohne erst das Namensschildchen zu studieren; jeder weiß, wie man es am geschicktesten angreift, in welche Hand der Bogen, in welche das Instrument gehört.

Der Dienstag ist dabei ein ganz besonderer Tag. Dann nämlich ist Unterricht mit den vier Profi-Trainerinnen von der Hochschule für Musik Saar angesagt. Dieses Mal ist sogar der pädagogische Schirmherr, Professor Michael Dartsch, mit von der Partie, um sich zu überzeugen, was seine Schützlinge mit den Klassik-Minis inzwischen auf die Beine gestellt haben. "Bei einigen sieht das schon richtig professionell aus", lobt er. Und auch die ersten Hörproben zeigen: Das eine oder andere Stückchen kann sich bereits hören lassen.

Die vier Saiten kennen alle Nachwuchsmusiker schon lange aus dem Effeff, ob mit oder ohne Bogen. Dass G die tiefste und E die höchste ist, für Celli und Bratschen aber C und A, das braucht man hier niemandem mehr zu erklären. Sogar mit verbundenen Augen lassen sich die Geigenkids nicht mehr aus der Ruhe bringen. Die sieben eifrig zupfenden und streichenden Cello-Schüler von Sabine Heimrich dürfen heute zum ersten Mal auch die linke Hand "einweihen" - leere Saiten sind hier sicher schon bald Vergangenheit.

Bei den sechs Bratschenkindern geht es an diesem Morgen ein wenig gemütlicher zu; Annegret Hoffmann muss sich einiges einfallen lassen, damit jeder ihrer Schützlinge mit gleichem Elan ans Werk geht. Das Zupfen klappt bestens, aber sobald die Bögen mit ins Spiel kommen, klappert es noch ein wenig mit dem Zusammenspiel. Also noch einmal Bögen weg und wieder von vorne. Siehe da, wenn sich alle anstrengen, lässt sich das kleine Motivationstief schnell beheben; und das Erfolgserlebnis macht sichtlich Lust auf mehr.

Im Klassenraum nebenan werden derweil Lockerungsübungen gemacht, die Arme und Hände ausgeschüttelt, damit sich die kleinen Musiker und Musikerinnen von den Anstrengungen erholen können. Bernhard Hayo, Klassenlehrer und Initiator des Projekts, hilft dabei, wo er kann, bringt Schwämmchen, die unter das Kinn geklemmt werden, oder spricht ein paar aufmunternde Worte, wenn der eine oder andere erschöpft auf seinen Stuhl sinkt. Auch seine Bilanz nach den ersten Monaten Streicherprojekt ist durchweg positiv. "Das Wichtigste ist für mich nach wie vor, dass sie nicht nur lernen, mit den Instrumenten umzugehen und darauf zu spielen, was die meisten auch ganz toll machen. Sondern dass sie auch lernen, den anderen zuzuhören und gemeinsam an einer Sache zu arbeiten." Also all das, was mit dem Projekt im Sinne des Musikpädagogen Hans-Günther Bastian als Nebeneffekt dieses frühen schulischen Musiktrainings ohnehin beabsichtigt wurde. Es gibt für Hayo noch mehr Positives zu berichten: Einige der besonders ehrgeizigen Nachwuchsstreicher haben sich die Instrumente schon mal ausgeliehen, um den Eltern oder Großeltern zum Geburtstag ein kleines Ständchen zu bringen.

Und weil Professor Dartsch schließlich nicht alle Tage zu Besuch ist, spielen sie alle 24 zusammen ihr gesamtes Repertoire durch und haben sich nach diesem Streichermarathon ihr Pausenbrot redlich verdient.

Meinung

Gute Ideen wirken weit

Von SZ-Redakteurin

Doris Döpke

Ach, daraus wird ja doch nichts: Solch vorauseilender Pessimismus hat schon vielen guten Ideen den Garaus gemacht. Das Streicher-Projekt an der Geislauterner Schlossparkschule hingegen ist ein schönes Beispiel dafür, dass man eigene Ideen getrost ernst nehmen sollte, auch wenn sie schräg anmuten. Der Musiklehrer Bernhard Hayo jedenfalls hat seine Idee, eine Abc-Schützen-Klasse zu einem Streicher-Ensemble zu machen - um der musikalischen, intellektuellen und sozialen Förderung der Kinder willen -, mit viel Einsatz und Überzeugungskraft in die Tat umgesetzt. Und siehe da, in der Völklinger "Provinz" entwickelt sich nun etwas, was nicht nur die beteiligten Kinder begeistert, sondern auch Musik-Stars in den Metropolen. Und was in der Schullandschaft der Bundesrepublik einzig dasteht.

Man braucht also nicht unbedingt Millionen, um etwas zu bewegen. Auch gute Ideen und der Elan, sich dafür einzusetzen, wirken weit.

 

Hintergrund

Das Echo zu dem bundesweit einmaligen Geislauterner Musik-Projekt ist weit über die saarländischen Landesgrenzen hinaus groß. Geige, Bratsche und Cello lernen als Teil des Schulunterrichts, das kommt sogar bei Stars der Klassik-Szene wie Anne-Sophie Mutter bestens an, davon zeugen die vielen Fotos und Briefe an der Eingangstür der Klasse.

Nach ersten Gesprächen, die Hayo kürzlich mit dem ideellen Projekt-Paten Günther Herbig, Chefdirigent des Rundfunk-Sinfonieorchesters Saarbrücken, geführt hat, steht fest, dass die Kooperation bald konkret wird. Unter anderem, dass die Klasse gelegentlich Proben des RSO besuchen wird. Und dass man vielleicht sogar zusammen eine Uraufführung auf die Beine bringen wird. gab


 
Stars wie Anne-Sophie Mutter (oben) und Günther Herbig haben Grüße geschickt. Fotos: dpa/sz
 
Sven (links) und Okan haben's gut: Cellisten dürfen sitzen. Foto: sz