|
|
|
Geigenbaumeister Jürgen-Dietrich Krause ,seine Frau Angela und Lehrer Bernhard Hayo zeigen den Kindern der Schloßparkschule die korrekte Haltung der Instrumente. Foto: Engel |
Von SZ-Mitarbeiterin
Gabi Szarvas
Völklingen. „Jetzt mal alle ran an die Bögen und Ringelnatter Eisbär“: So oder ähnlich könnte laut Bernhard Hayo, Lehrer an der Schlosspark-Grundschule in Völklingen-Geislautern, für rund 20 Erstklässler vom nächstem Schuljahr an jeder Morgen beginnen. Dann nämlich fällt der Startschuss für das bundesweit einmalige Projekt „Mit Geigen gegen Pisa“. Diese ehrgeizige Idee fußt auf einem ganz einfachen Prinzip, könnte aber schon bald Vorbildcharakter haben. Eine ganze Klasse Schulanfänger soll mit Geigen, Bratschen und Celli ausgestattet und regelmäßig unterrichtet werden – ohne dass Schüler oder Eltern dafür auch nur einen Cent bezahlen müssen.
Musik solle kein Privileg für Kinder aus besser gestellten Schichten sein, fordert Hayo, der mit seinem engagierten Konzept immerhin bereits für die Hälfte der für die Instrumente erforderlichen 15000 Euro Sponsoren an Land gezogen hat. „Ich hatte immer die Idee eines Schulorchesters, und ich hab hier an der Schule einfach gesehen, was mit den Kleinen zu machen ist, wie begeisterungsfähig und wie verrückt die nach Musik sind. Und da war natürlich nichts näher liegend als zu sagen, jetzt machen wir mal eine Geigenklasse.“ Einen 70-köpfigen Schulchor gebe es ja bereits, nicht umsonst habe man kürzlich erst die Plakatte „Singende Grundschule“ erhalten, und auch die Blockflöte beherrschen die Schlossparkschüler aus dem Effeff. Die Motivation für eine „Streicherklasse“ sei vor allem als erzieherische Maßnahme gedacht, erklärt Hayo. Schließlich sei längst bewiesen, dass Musikpädagogik ganz nebenbei das leiste, was man mit mühseligen Übungen in den übrigen Fächern zu trainieren versuche: Konzentration, auswendig lernen, diszipliniertes Arbeiten.
Ob Geige, Bratsche oder doch lieber Cello – das dürfen die Erstklässler dann zu Beginn des Schuljahres selbst entscheiden. Wenn – so ist es zumindest angedacht – Musiker des Rundfunksinfonieorchesters Saarbrücken die Instrumente in der Klasse vorgestellt haben. Geübt wird jeden Morgen „wie tägliches Zähneputzen“ gemeinsam in der Klasse. Hinzu kommt einmal die Woche Einzel- beziehungsweise Gruppenunterricht bei Studenten der Hochschule für Musik Saar. Der „pädagogisch-didaktische“ Schirmherr des Projekts ist Hochschul-Professor Michael Dartsch, als „ideeller Pate“ hat sich Günther Herbig, Chefdirigent des Rundfunksinfonieorchesters Saarbrücken zur Verfügung gestellt.
Die Auswahl der Instrumente hat Hayo in die Hände eines Fachmanns gelegt: Jürgen Dietrich Krause, Geigenbauer in Saarbrücken. So sei jedenfalls gesichert, „dass nur gute Instrumente in die Kinderhände gelangen und keine billigen Sperrholzteile“, betont Hayo. Denn die Kids sollen von Anfang an ein Klanggefühl entwickeln und den Umgang mit den Instrumenten lernen können. „Wie nehme ich die Geige oder das Cello aus dem Kasten, wie spanne ich den Bogen, wie stimme ich die Saiten“ – erst wenn das einigermaßen laufe, verspricht Hayo, dürften die Kids ihre Instrumente mit nach Hause nehmen, sei es fürs Vorspiel an „Omas Geburtstag, an Weihachten oder einfach zum häuslichen Üben“.
Der schulische Förderverein verwaltet die Instrumente, für die Eltern besteht allerdings jederzeit die Möglichkeit, sie zu mieten oder zu kaufen. Am Schuljahresende wird dann Großputz gemacht: Instrumente können abgegeben werden, „zwingen will man schließlich niemanden“, so Hayo, kleine Geigen können in größere umgetauscht, neue Instrumente für die neuen Erstklässler gekauft werden.
Überhaupt ist Nachhaltigkeit ein ganz zentrales Thema, denn der Aufwand lohnt sich natürlich nur, wenn man die Schüler auch nach Abschluss der vierten Klasse in guten musikpädagogischen Händen weiß. Zu diesem Zweck sollen Instrumentalpatenschaften über den Saarländischen Landesverband der Liebhaberorchester (SLLO) geschlossen werden, und – wenn es sich denn etablieren sollte, ein Schlossparkorchester als Nachmittags-AG, das die engagierten Jungstreicher auffängt.
Von SZ-Redakteurin
Doris Döpke
Musik gilt in der Schule als Nebenfach. In der Grundschule führt Musikerziehung oft erst recht ein Mauerblümchen-Dasein, weil es in diesem Schultyp nur wenige fachlich ausgebildete Pädagogen gibt. Ein Jammer. Wobei die Lücke an den Grundschulen am meisten zu beklagen ist: Legt doch der Anfangsunterricht die Basis für den späteren Bildungsweg. Im idealen Fall regt er die Kinder an, weckt ihre Neugierde, fördert sie, indem er sie fordert. Wenn das mit Musik geschieht, tut's nicht nur der Kreativität der Schüler gut. Sondern auch ihrem Denkvermögen und ihrer Konzentrationsfähigkeit – Studien belegen, dass Musik, vor allem eigene musikalische Praxis, Kinder hier enorm voranbringt. Zusammenspiel im Ensemble fördert zudem die soziale Kompetenz. Theoretische Einsichten, die Bernhard Hayo an der Grundschule in Geislautern im Unterrichts-Alltag umsetzen will. Da, wo's am besten wirkt: bei den Abc-Schützen. Bravo, der Mann hat Fantasie und Mut – möge sein Projekt Förderer finden. Es verdient sie.
„Mit Geigen gegen Pisa“ – so das
Motto des bundesweit einmaligen Projektes, das von Lehrern der
Schlosspark-Grundschule Geislautern um Bernhard Hayo ins Leben gerufen wurde.
Das Projekt sieht vor, ab nächstem Schuljahr 20 Erstklässler, also eine ganze
Klasse, komplett mit Geigen, Bratschen und Celli auszustatten. Bereitgestellt
werden die Instrumente zum Großteil vom Saarbrücker Geigenbauer Jürgen-Dietrich
Krause. Die Finanzierung läuft über Sponsorengelder, wobei für die Hälfte der
nötigen 15000 Euro noch Förderer gesucht werden.
Üben werden die Kids jeden Morgen in der Schule. Pädagogisch, wissenschaftlich und didaktisch betreut wird das Projekt von Professor Michael Dartsch von der Hochschule für Musik Saar. Die vier Stunden Einzel- und Gruppenunterricht pro Woche werden von Studenten der Musikhochschule gehalten. Die Finanzierung des Unterrichts gewährleistet das Saar-Ministerium für Bildung, Kultur und Wissenschaft in Kooperation mit der Arbeit und Kultur GmbH.
Grundlage des Konzepts sind zahlreiche Studien zum positiven Einfluss
von Musik auf die Intelligenzentwicklung von Kindern, unter anderem von dem
Frankfurter Professor Hans-Günther Bastian. gab