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In vielen
Grundschulen fällt der Musikunterricht aus oder wird fachfremd erteilt.
Es fehlen geeignete Lehrer. Musiklehrer
an weiterführenden Schulen stellen fest, dass Kinder keinen Ton gesungen
haben, dass ihnen womöglich der
Zugang zur Musik ganz verschlossen bleibt, weil die meisten in den
schwierigen Jahren der
Pubertät das Singen scheuen,
selbst wenn sie den Stimmbruch
noch nicht erreicht haben. Bernhard Hayo unterrichtete Musik an
einer Gesamtschule
und hat zu hören bekommen, dass aus den Grundschulen kein
musikalischer Nachwuchs mehr komme. 15 Jahre zu spät
habe er sich entschlossen, an die
Grundschule zu wechseln, beteuert er heute. An
der Schloßparkschule in
Völklingen-Geislautern im
Saarland hat er ein außergewöhnliches
Projekt ins Leben gerufen.
Unter dem provozierenden Titel „Mit
Geigen gegen Pisa" hat diese Schule
sich entschlossen, eine gesamte erste Klasse mit
Beginn im Herbst 2004 ein
Streichinstrument lernen zu
lassen. Bei einem Vorstellungskonzert
des Radiosinfonieorchesters
Saarbrücken, dessen Chefdirigent die Patenschaft
für das Schulprojekt übernommen
hat, konnten die Kinder sich für Geige,
Bratsche oder Cello entscheiden. Über
ein Jahr hat Musiklehrer Hayo, der
auch über Erfahrungen als
Leiter eines Kinderchors verfügt, dann von Sponsoren Geld
für die Anschaffung der Instrumente
eingeworben. 15 000 Euro sind
zusammengekommen. Den
Instrumentalunterricht übernehmen
ältere Studenten der Musikhochschule
in Saarbrücken, den Musikunterricht
selbst hält Michael Dartsch, Professor für Elementare Musikpädagogik und
Geigendidaktik.
Jeden Morgen übt
Hayo, der die Klasse
leitet, mit
seinen Schülern. Das Kultusministerium
hat der Grundschule eine dritte
Musikstunde
zugestanden, in Kürze soll die
Schule
Nachmittagsbetreuung
erhalten.
Den Eltern der acht türkischen, sechs
italienischen und zehn deutschen
Kinder entstehen im ersten Jahr keine Kosten, im zweiten
müssen sie allerdings ein Instrument leihen oder kaufen. Hayo ist überzeugt davon,
dass Musikunterricht der beste
Förderunterricht sei: „Ich
würde immer eine Musikstunde
geben, anstatt eine weitere Förderstunde
in Mathematik zu erteilen."
Es ist inzwischen
auch hirnphysiologisch
erwiesen, dass
die vordere Verbindung zwischen
den beiden Hirnhälften, der so genannte
Balken, bei Musikern größer ist als
bei
Nicht-Musikern. Darin spiegelt sich
In einem Vorschlag für die Neuorientierung
des Musikunterrichts erinnert die
Konrad-Adenauer-Stiftung daran, dass der
Musikunterricht
nicht nur wegen seiner
Transferwirkung
auf andere Gebiete zu fördern
sei, sondern auch Eigenwert besitze.
Eine zweckfreie Beschäftigung mit Musik
bereichere das Leben unmittelbar.
„Lebensweltorientierung durch
ästhetische Bildung und ein ausgeprägtes Qualitätsbewußtsein
hinsichtlich Komposition,
Interpretation und technischer
Ausführung von Musik, das zu
begründetem Urteil führt, sind Ziele des Musikunterrichts", heißt
es in dem Leit-faden. Neben dem
Elternhaus habe nur die Schule
die Chance, systematisch zur Geschmacksbildung
beizutragen, indem sie Kriterien zur Unterscheidung von anspruchsvoller
und anspruchsloser Musik
vermittelt. Die Stiftung hat deshalb eine Liste
von Vorschlägen aus Klassik, Moderne,
Jazz sowie Rock und Pop vorgelegt.
Die neuen Lehrpläne böten kaum
konkrete Formulierungen und inhaltlich zu große Freiheit,
das führe zu schnell zu Beliebigkeit und Gleichgültigkeit. „Bach,
Beethoven, Brahms versus
Blanco, Biedermann, Bohlen
- das kann nicht die
Alternative sein", heißt es
im Leitfaden. |