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 (FAZ - Frankfurter Allgemeine vom 11. 01. 2005)           FAZ.NET
Mit Geigen gegen Pisa

Neue Projekte des schulischen Musikunterrichts
und ein Leitfaden der Adenauer-Stiftung

Von Heike Schmoll

In vielen Grundschulen fällt der Musikunterricht aus oder wird fachfremd erteilt.

Es fehlen geeignete Lehrer. Musiklehrer an weiterführenden Schulen stellen fest, dass Kinder keinen Ton gesungen haben, dass ihnen womöglich der Zugang zur Musik ganz verschlossen bleibt, weil die meisten in den schwierigen Jahren der Pubertät das Singen scheuen, selbst wenn sie den Stimmbruch noch nicht erreicht haben. Bernhard Hayo unterrichtete Musik an einer Gesamtschule und hat zu hören bekommen, dass aus den Grundschulen kein musikalischer Nachwuchs mehr komme. 15 Jahre zu spät habe er sich entschlossen, an die Grundschule zu wechseln, beteuert er heute. An der Schloßparkschule in Völklingen-Geislautern im Saarland hat er ein außergewöhnliches Projekt ins Leben gerufen.

Unter dem provozierenden Titel „Mit Geigen gegen Pisa" hat diese Schule sich entschlossen, eine gesamte erste Klasse mit Beginn im Herbst 2004 ein Streichinstrument lernen zu lassen. Bei einem Vorstellungskonzert des Radiosinfonieorchesters Saarbrücken, dessen Chefdirigent die Patenschaft für das Schulprojekt übernommen hat, konnten die Kinder sich für Geige, Bratsche oder Cello entscheiden. Über ein Jahr hat Musiklehrer Hayo, der auch über Erfahrungen als Leiter eines Kinderchors verfügt, dann von Sponsoren Geld für die Anschaffung der Instrumente eingeworben. 15 000 Euro sind zusammengekommen. Den Instrumentalunterricht übernehmen ältere Studenten der Musikhochschule in Saarbrücken, den Musikunterricht selbst hält Michael Dartsch, Professor für Elementare Musikpädagogik und Geigendidaktik.

Jeden Morgen übt Hayo, der die Klasse leitet, mit seinen Schülern. Das Kultusministerium hat der Grundschule eine dritte Musikstunde zugestanden, in Kürze soll die Schule Nachmittagsbetreuung erhalten. Den Eltern der acht türkischen, sechs italienischen und zehn deutschen Kinder entstehen im ersten Jahr keine Kosten, im zweiten müssen sie allerdings ein Instrument leihen oder kaufen. Hayo ist überzeugt davon, dass Musikunterricht der beste Förderunterricht sei: „Ich würde immer eine Musikstunde geben, anstatt eine weitere Förderstunde in Mathematik zu erteilen."
Es ist inzwischen auch hirnphysiologisch erwiesen, dass die vordere Verbindung zwischen den beiden Hirnhälften, der so genannte Balken, bei Musikern größer ist als bei Nicht-Musikern. Darin spiegelt sich In einem Vorschlag für die Neuorientierung des Musikunterrichts erinnert die Konrad-Adenauer-Stiftung daran, dass der Musikunterricht nicht nur wegen seiner Transferwirkung auf andere Gebiete zu fördern sei, sondern auch Eigenwert besitze. Eine zweckfreie Beschäftigung mit Musik bereichere das Leben unmittelbar. „Lebensweltorientierung durch ästhetische Bildung und ein ausgeprägtes Qualitätsbewußtsein hinsichtlich Komposition, Interpretation und technischer Ausführung von Musik, das zu begründetem Urteil führt, sind Ziele des Musikunterrichts", heißt es in dem Leit-faden. Neben dem Elternhaus habe nur die Schule die Chance, systematisch zur Geschmacksbildung beizutragen, indem sie Kriterien zur Unterscheidung von anspruchsvoller und anspruchsloser Musik vermittelt. Die Stiftung hat deshalb eine Liste von Vorschlägen aus Klassik, Moderne, Jazz sowie Rock und Pop vorgelegt. Die neuen Lehrpläne böten kaum konkrete Formulierungen und inhaltlich zu große Freiheit, das führe zu schnell zu Beliebigkeit und Gleichgültigkeit. „Bach, Beethoven, Brahms versus Blanco, Biedermann, Bohlen - das kann nicht die Alternative sein", heißt es im Leitfaden.

 

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