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Chormusik aus dem Herzen Europas


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Leseprobe

GABRIEL FAURÉ, der »französische Schumann«, Schüler von Saint-Saens, Lehrer von Maurice Ravel, verwurzelt in der Gregorianik, zugleich äußerst empfindsam für lyrische Schwingungen und farbige Klänge, hier gewissermaßen Vorläufer des französischen Impressionismus, in Opposition gegen die deutsche Führung in der Musik und alles, was sie bedeutete (tatsächlich war die deutsche Hegemonie, die sich seit der Zeit von Beethoven immer mehr be­festigt hatte, gegen Ende des Jahrhunderts so gut wie all­gemein anerkannt), kam im Alter von neun Jahren aus seiner südfranzösischen Heimat nach Paris. Dort trat er in die nach ihrem Gründer benannte École Niedermeyer ein, wo man ihm die religiöse Kunst der alten Meister, der französischen und deutschen Klassiker vermittelte. Der an dieser Schule zum Professor ernannte, zehn Jahre ältere Saint-Saens weihte Fauré in die Welt Schumanns, Schuberts, Mendelssohn Bartholdy's, Liszts und Wagners ein. Zwischen Schüler und Lehrer bildete sich eine lebenslange Freundschaft.

1865 zog Fauré nach Rennes, wo er sein erstes Amt als Organ ist bekleidete. Vier Jahre verbrachte er ereignislos in der Provinz, über die er später resümierte: »Ich frage mich, was ich damals dachte, und erinnere mich, dass ich gar nichts dachte und nur eine dürftige Vorstellung von mir selbst hatte, eine große vollkommene Gleichgültigkeit, außer für die schönen Dinge des Lebens und für bedeu­tende Geister, aber ohne den Hauch eines Ehrgeizes.«

Der tatkräftigen Hilfe seines einstigen Klavierlehrers und Freundes Saint-Saens verdankte es Fauré, dass er wieder nach Paris zurückkehren konnte und schließlich auch Chorleiter an der Église de la Madeleine wurde. Aber das Prestige, das diese Position mit sich brachte, stand in einem beklagenswerten Widerspruch zu der kargen Entlohnung. Um einigermaßen ordentlich leben zu können, war er gezwungen, bei Gesangvereinen als Begleiter aufzutreten oder Klavierstunden zu erteilen. Seine Qualitäten als Komponist und begabter Pianist konnten Fauré manche Pariser Salons aufschließen; sie vermochten jedoch nicht, ihm das Herz derjenigen, die er liebte, zu öffnen. Allein, zurückhaltend und von Natur schamhaft, wie er war, beklagte er sich nicht lärmend nach Art eines Berlioz und arbeitete auch nicht wie ein Beethoven an seinem Schmerz herum. Er flüchtete sich vielmehr ausschließlich in seine Kunst.

Gegen Ende des Jahres 1883, in dem er auch die Tochter eines damals sehr berühmten Bildhauers heiratete, ergab sich für Fauré die Überraschung, nach Bayreuth gehen zu können. »Wenn man Wagner in Bayreuth nie gehört hat, so hat man nichts gehört!« schrieb er seinen Freunden. Er ergötzte sich, ja er berauschte sich; aber er verließ darum keineswegs seine eigene Musik, seine Formen und Ideen.

Er komponierte Melodien, die von allem Anfang an mit dem überlieferten romantischen, mehr oder weniger volkstümlichen Lied und der innigen, nur zu oft fälschlich lyrischen Romanze brechen. Seine Einfachheit, sein reiner menschlicher Sinn für das Leben bewirkten, dass er sich nur selten an klangvolle Dichter mit überreicher Wortfülle wendete. Seine Vorliebe galt den verfeinerten, mehr ver­traulichen und nuancierten Dichtern. Durch die Berührung mit dem zarten Verlaine'schen Genie vollzog er die ideale, ja wundervolle Verbindung der Dichtung mit . . .

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Letztes Update: 09.03.2000