folzfarb-Schatten.jpg (15023 Byte) Martin Folz
Komponist, Dirigent
* 1961

Kompositionen

Chorwerke

Instrumentalwerke

Discographie  

 

"Spuren" 
(Werkbesprechung )

Das Gebläsehaus im Weltkulturerbe "Alte Völklinger Hütte" ist ein Industriedenkmal besonderer Qualität. Um so beeindruckender war es, die Uraufführung eines Werkes zu erleben, das für diese Kulisse, für dieses Denkmal und die „Spuren“, die es hinterlassen hat komponiert worden war.   

Bei der Uraufführung von "Spuren" am 15.11.1997 im Gebläsehaus der "Alten Völklinger Hütte", die aus Anlass der Verleihung des "Erzengel - Preises" stattfand, hielt Prof. Dr. Hans Rectanus (Heidelberg) eine kurze Einführung in das Werk: 

1. Satz: „ . . . mit einer instrumentalen Einleitung als erstem Stück, als Ouvertüre, Prolog oder Vorspiel: damit beginnt in dunkler, sparsamer Instrumentation das Werk, mit einer Klangfläche, die langsam in Bewegung kommt, mit einem ostinat, d.h. dauernd wiederholten Fagottmotiv, zu dem dann weitere Motive hinzutreten. Die Musik wird dichter und intensiver, steigert sich, Maschinengeräusche sind zu hören, eine Sirene markiert den Höhepunkt, danach wird alles nach und nach zurückgenommen und kehrt zum Anfang zurück: es endet, wie es begonnen hat, verklingt. Es ist ein musikalisches Porträt der Völklinger Hütte, die hier akustisch präsent wird und sich vor unseren Sinnen aufbaut. 

Im 2. Satz geht es nun um die Spuren, die durch Raum und Zeit wandern (so der Text) und dem Werk ihren Titel geben: flüsternd beginnen Sprecher und später der Chor, von tiefen Glockentönen begleitet; aus dem Flüstern wird Gesang: hell und im Fortissimo beschließt zu den Textworten ,,weit ins Licht" ein strahlender D-Dur Akkord;/ durch einen fremden Ton, einen tonus peregrinus verfremdet, diesen Teil. 

Das nun folgende Intermezzo hat es mir besonders angetan: über einen immer gleichen Klanguntergrund singt der Chor eine wunderbar ausgewogene, weit ausgreifende Melodie, die einem nicht mehr aus dem Ohr geht und die sich klangvoll weiterentwickelt, insgesamt eine nach innen gerichtete, meditativ Musik mit einer besonderen Physiognomie.  

,,Hinter Masken pulst das Leben", so ist der 3. Satz überschrieben, der ein rechtes Kontrastprogramm zu der bisher gehörten Musik darstellt. Im 7/8-Takt geschrieben, mit einer vitalen Rhythmik und einer harten Instrumentation, werden die Motive gegeneinander geführt und frei miteinander verbunden, Zitate schwirren durcheinander, z.B. die Internationale (Völker hört die Signale) auch der Vokalstil ist verändert: die Worte werden zu Silben, der  Melodiecharakter nimmt scheinbar zwölftönigen punktuellen Charakter an. Hektisch und nervös klingt es, ein ständiges Wechselspiel der Tongestalten, wie  Fragen und Antworten, und dialogisch geführte kristallklare Klangsplitter, das alles virtuos und expressiv, voll elektrischer Spannung und Farbenreichtum Nach einem streng gefügten Teil, der die alte Variationsform der Passacaglia interessant abwandelt und wieder melodiösen Charakter trägt, schließt dieser Satz mit der ganzen Bandbreite des modernen pulsierenden Lebens und seinen Geräuschen. 

Komponieren scheint für Martin Folz Spiel mit Kontrasten einerseits, andererseits aber auch die Herstellung von Korrespondenzen zu sein, komponieren heißt aber auch in diesem Werk die Präsenz von Geschichte, womit die Musik mehrschichtig wird und sich somit Gegenwärtiges und Vergangenes zu einer neuen Qualität verbinden. 

Dies wird besonders deutlich am Schluss dieses Teils erkennbar und hörbar, wenn in Anklängen und Zitaten z.B. das alte Lutherlied ,,Mitten wir im Leben sind, von dem Tod umfangen" oder 3 Strophen des fast 400 Jahre alten Kirchenliedes ,,Ach wie flüchtig, ach wie nichtig ist des Menschen Leben" im schmucklos-einfachen Choralsatz erklingen, kritisch   kommentiert vom Sprecher und einem bedrohlich wirkenden instrumentalen Untergrund. 
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Verheißungsvoll, zukunftgerichtet, im klangvollen Männerchorsatz schließt, nun im reinen D-Dur der alten barocken Jubeltonart, das Werk:
Im Windspiel Deiner Gedanken trage dein Hoffen ins Morgen! 

Die Worte von Albert Schweitzer über den Dichter Peter Coryllis kommen in Erinnerung: ,,Wert hat in unserer Zeit nur der, der nicht nur klagt, sondern hofft, auf eine neue Zeit hinaus blickt." 
Martin Folz hat mit diesem Werk kurz vor der Jahrhundert- und Jahrtausendwende eine stilistisch vielschichtige Musik geschrieben, die sich zum Bewusstsein ihrer geschichtlichen Bedingtheit und damit zum Bewusstsein ihrer selbst bekennt und gerade indem sie Vergangenheit mit der Gegenwart verbindet  in die Zukunft weist: freie Tonalität, Dissonanzballungen Glissandi mit brodelnder gestischer Vitalität stehen neben alt - kirchentonalen (denke an den phrygischen Choral) sowie Blues- , Jazz und Popelementen Folz benutzt zwar alte Variationenformen wie die Passacaglia, zitiert Bekanntes, dies alles aber schmilzt er in das Gesamt dieses Werkes ein, er bedient sich all dieser eigentlich disparaten Elemente, ohne sich ihnen zu unterwerfen, und findet dabei seine eigene Position und sein eigenes kompositorisches Profil. . . . 

. . .  die Musik spricht in einer Sprache zu uns, die nicht in die Sprache unserer Wörter übersetzt werden kann. Bestenfalls gelingt eine Annäherung durch geschickte Umschreibung. Musik sei die Sprache des Unaussprechlichen, sagte der alte Goethe einmal. Und auch das gilt: Musik entsteht eigentlich immer erst in uns: in vielen musikalischen Formulierungen des Komponisten Martin Folz konnte ich mich wiederfinden, seine Musik hat beim Nur - lesen bei mir  Spuren hinterlassen, mich nachdenklich, aber auch hoffnungsfroh gemacht. . . „

 

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Letztes Update: 09.01.2000