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"Spuren"
(Werkbesprechung )
Das
Gebläsehaus im Weltkulturerbe "Alte Völklinger Hütte"
ist ein Industriedenkmal besonderer Qualität. Um so beeindruckender
war es, die Uraufführung eines Werkes zu erleben, das für diese
Kulisse, für dieses Denkmal und die „Spuren“, die es hinterlassen
hat komponiert worden war.
Bei
der Uraufführung von
"Spuren" am 15.11.1997 im Gebläsehaus der "Alten Völklinger
Hütte", die aus Anlass der Verleihung des "Erzengel -
Preises" stattfand, hielt Prof.
Dr. Hans Rectanus (Heidelberg) eine kurze Einführung in das
Werk:
1.
Satz: „ . . . mit einer instrumentalen
Einleitung als erstem Stück, als Ouvertüre,
Prolog oder Vorspiel: damit beginnt in dunkler, sparsamer
Instrumentation das Werk, mit einer Klangfläche, die langsam in
Bewegung kommt, mit einem ostinat, d.h. dauernd wiederholten
Fagottmotiv, zu dem dann weitere Motive hinzutreten. Die Musik wird
dichter und intensiver, steigert sich, Maschinengeräusche sind zu hören,
eine Sirene markiert den Höhepunkt, danach wird alles nach und nach
zurückgenommen und kehrt zum Anfang zurück: es endet, wie es
begonnen hat, verklingt. Es ist ein musikalisches Porträt der Völklinger Hütte, die
hier akustisch präsent wird und sich vor unseren Sinnen aufbaut.
Im
2. Satz geht es nun um die Spuren,
die durch Raum und Zeit wandern (so der Text) und dem Werk ihren
Titel geben: flüsternd beginnen Sprecher und später der Chor, von
tiefen Glockentönen begleitet; aus dem Flüstern wird Gesang: hell
und im Fortissimo beschließt zu den Textworten ,,weit ins Licht"
ein strahlender D-Dur Akkord;/ durch einen fremden Ton, einen tonus
peregrinus verfremdet, diesen Teil.
Das
nun folgende Intermezzo hat
es mir besonders angetan: über einen immer gleichen Klanguntergrund
singt der Chor eine wunderbar ausgewogene, weit ausgreifende Melodie,
die einem nicht mehr aus dem Ohr geht und die sich klangvoll
weiterentwickelt, insgesamt eine nach innen gerichtete, meditativ
Musik mit einer besonderen Physiognomie.
,,Hinter Masken pulst das Leben", so ist der 3. Satz überschrieben,
der ein rechtes Kontrastprogramm zu der bisher gehörten Musik
darstellt. Im 7/8-Takt geschrieben, mit einer vitalen Rhythmik und
einer harten Instrumentation, werden die Motive gegeneinander geführt
und frei miteinander verbunden, Zitate schwirren durcheinander, z.B.
die Internationale (Völker hört die Signale) auch der Vokalstil ist
verändert: die Worte werden zu Silben, der
Melodiecharakter nimmt scheinbar zwölftönigen punktuellen
Charakter an. Hektisch und nervös klingt es, ein ständiges
Wechselspiel der Tongestalten, wie
Fragen und Antworten, und dialogisch geführte kristallklare
Klangsplitter, das alles virtuos und expressiv, voll elektrischer
Spannung und Farbenreichtum Nach einem streng gefügten Teil, der die
alte Variationsform der Passacaglia interessant abwandelt und wieder
melodiösen Charakter trägt, schließt dieser Satz mit der ganzen
Bandbreite des modernen pulsierenden Lebens und seinen Geräuschen.
Komponieren scheint für Martin Folz Spiel mit Kontrasten einerseits,
andererseits aber auch die Herstellung von Korrespondenzen zu sein,
komponieren heißt aber auch in diesem Werk die Präsenz von
Geschichte, womit die Musik mehrschichtig wird und sich somit Gegenwärtiges
und Vergangenes zu einer neuen Qualität verbinden.
Dies
wird besonders deutlich am Schluss dieses Teils erkennbar und hörbar,
wenn in Anklängen und Zitaten z.B. das alte Lutherlied ,,Mitten wir
im Leben sind, von dem Tod umfangen" oder 3 Strophen des fast 400
Jahre alten Kirchenliedes ,,Ach wie flüchtig, ach wie nichtig ist des
Menschen Leben" im schmucklos-einfachen Choralsatz erklingen,
kritisch
kommentiert vom Sprecher und einem bedrohlich wirkenden
instrumentalen Untergrund.
[Seitenanfang]
Verheißungsvoll, zukunftgerichtet, im klangvollen Männerchorsatz
schließt, nun im reinen D-Dur der alten barocken Jubeltonart, das
Werk: Im
Windspiel Deiner Gedanken trage dein Hoffen ins Morgen!
Die
Worte von Albert Schweitzer über den Dichter Peter Coryllis kommen in
Erinnerung: ,,Wert hat in unserer Zeit nur der, der nicht nur klagt,
sondern hofft, auf eine neue Zeit hinaus blickt."
Martin Folz hat mit diesem Werk kurz vor der Jahrhundert- und
Jahrtausendwende eine stilistisch vielschichtige Musik geschrieben,
die sich zum Bewusstsein ihrer geschichtlichen Bedingtheit und damit
zum Bewusstsein ihrer selbst bekennt und gerade indem sie
Vergangenheit mit der Gegenwart verbindet
in die Zukunft weist: freie Tonalität, Dissonanzballungen
Glissandi mit brodelnder gestischer Vitalität stehen neben alt -
kirchentonalen (denke an den phrygischen Choral) sowie Blues- , Jazz
und Popelementen Folz benutzt zwar alte Variationenformen wie die
Passacaglia, zitiert Bekanntes, dies alles aber schmilzt er in das
Gesamt dieses Werkes ein, er bedient sich all dieser eigentlich
disparaten Elemente, ohne sich ihnen zu unterwerfen, und findet dabei
seine eigene Position und sein eigenes kompositorisches Profil. . .
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die Musik spricht in einer Sprache zu uns, die nicht in die
Sprache unserer Wörter übersetzt werden kann. Bestenfalls gelingt
eine Annäherung durch geschickte Umschreibung. Musik sei die Sprache
des Unaussprechlichen, sagte der alte Goethe einmal. Und auch das
gilt: Musik entsteht eigentlich immer erst in uns: in vielen
musikalischen Formulierungen des Komponisten Martin Folz konnte ich
mich wiederfinden, seine Musik hat beim Nur - lesen bei mir
Spuren hinterlassen, mich nachdenklich, aber auch hoffnungsfroh
gemacht. . . „ |