Im persönlichen Briefwechsel sagte Franz Biebl einmal über sich:
"Ich bin nur ein kleiner Komponist kleiner Lieder". Dies
ist eine bescheidene Einschätzung, die nur teilweise richtig ist.
Tatsache ist, dass sein Werk vornehmlich aus Liedern besteht. Aber
nichts ist "klein" hinsichtlich der Qualität seiner
Kompositionen. Schließlich sind sie künstlerisch gearbeitet und
haben sich vielfach in der Chorpraxis bewährt. Und es ist schon
gar nichts "klein", hinsichtlich seines Einflusses auf
die deutsche Chorszene.
Volksmusik und Spirituals
Biebl erzählte, dass er nach dem Zweiten Weltkrieg (er war als
Kriegsgefangener in Michigan) Bekanntschaft mit amerikanischen
Folksongs und Spirituals machte. Er wollte diese Musik, die in
Deutschland weitgehend unbekannt war, dem deutschen Publikum näher bringen.
Aber der Bedarf an für Laienchöre leicht singbaren Chorsätzen
zu jener Zeit und der Schwierigkeitsgrad vieler amerikanischer
Arrangements dieser Musik veranlaßten ihn, seine eigenen
einfacheren aber wirksamen Sätze zu schreiben, wodurch Amerika in
völlig anderer Weise in Deutschland bekannt wurde. Die Sätze
waren sehr beliebt und wurden in verschiedenen Besetzungen einzeln
und in Sammlungen veröffentlicht. Das Ergebnis: schließlich
wurden 50 amerikanische Folk-Songs und Spirituals sowie
weitere aus Lateinamerika Teil des Standartrepertoires in Schulen
und Chören. Biebl vernachlässigte aber auch nicht die
Volkslieder seiner Heimat und die anderer europäischer Länder.
Es gibt über 200 Bearbeitungen fremder Volkslieder in seinem
Gesamtwerk.
Der Musikpädagoge
Biebl ist sein Leben lang Pädagoge gewesen, und viele der Werke,
die er komponiert, bearbeitet oder herausgegeben hat, sind für
Kinder und Laien entstanden. So auch seine Arbeit mit dem
Bayerischen Schulbuchverlag. Als Georg Kallmeyer seine
Lose-Blattsammlung in Wolfenbüttel und Berlin veröffentlichte
("Lose Blätter der Musikantengilde"- Untertitel:
"Die praktische Handbibliothek"), war Biebl einer der
beteiligten Komponisten. In dieser Serie wurde Musik vom
Mittelalter bis zur Neuzeit für Laienchöre übertragen und
herausgegeben. Die "Losen Blätter" fanden Eingang in
Schulen, Gesangvereine und Kirchen und waren schon bald sehr populär;
nicht zuletzt auch, weil die Notenausgaben preiswert waren. Biebls
kompositorisches Credo war: "halte es einfach". Für Ihn
ist es sowohl richtig und wichtig, dass Laien gut singen und dass
es gute Musik für sie gibt, als auch professionelle Chöre zu fördern.
Hunderte seiner Kompositionen sind noch in den aktuellen Katalogen
deutscher Verlage, wo ihre Beliebtheit dem abgehobenen Snobismus
derer trotzt, die ihn unterhalb ihres elitären Geschmacks
einordnen. Anlässlich eines Abendessens mit dem Los Robles Master
Chorale aus Kalifornien (bei einer Konzertreise in Deutschland)
sagte Biebl im Juli 1997: "Es gibt nur einen Beethoven,
nur einen Mozart, aber es gibt viele Menschen, die mit Musik
sprechen. Deshalb müssen wir unsere Stärke finden, herausfinden,
was wir am besten können und das tun, solang wir es können."
Man muss einen Menschen respektieren, der bescheiden seine Nische
gefunden hat, und der so vielen Menschen hilft, "Musik zu
sprechen"!
Besetzungen
Wie viele deutsche Chorkomponisten, wurde Biebl bei der Wahl
seiner Chorbearbeitungen von der Kraft der Männerchöre und
Gesangvereine im deutschsprachigen Raum beeinflusst (Deutschland,
Österreich sowie die deutschsprachigen Gebiete der Schweiz und
Italiens). Viele seiner Kompositionen wurden zuerst für Männerchor
und erst später, wenn überhaupt, für gemischten Chor oder
Oberstimmen geschrieben - sein Ave Maria ist so ein
typischer Fall. In unserer Bibliographie übertreffen die Männerchor
- Kompositionen, diejenigen für gemischten Chor etwa im Verhältnis
3:2. Ich glaube, dass, wenn er für gemischten Chor schreibt, er
sich nicht scheut relativ schwierige Parts für die Männerstimmen
zu schreiben. Er kann wohl darauf zählen, gute Tenöre zu haben,
was die meisten Amerikanischen Komponisten eifersüchtig werden lässt!
Typischerweise sind seine Männerchorkompositionen für vier
Stimmen: zwei Tenöre und zwei Bässe, während seine Sätze für
Frauen- oder Oberstimmenchor nur dreistimmig gesetzt sind,
mit der Mittel- und Unterstimme im unteren System. Die weitaus
meisten seiner Werke sind a cappella.
Biebl als Dichter
Bei ehrlicher Einschätzung, wird man feststellen, dass Biebl auch
ein begabter Dichter ist. Nur wer schon einmal Gedichte und
Liedtexte aus anderen Sprachen übertragen hat, mit der
Notwendigkeit, den rhythmischen Ablauf mehr oder weniger
beizubehalten und dennoch die dichterische Eigenart und den Stil
der Originalsprache zu bewahren, kann vollends seine Befähigung
auch auf diesem Gebiet anerkennen. Seine Auswahl deutscher
Liedtexte anderer Dichter geschah immer mit Rücksicht auf deren
dichterischen Wert und innere Weisheit. Seine eigenen Texte könnten
als eigenständige Gedichte auch ohne ihre musikalische Umsetzung
durchaus bestehen. Die Texte bestimmen immer seine Musik; nie
umgekehrt.
Die menschliche Seite.
Biebl schreibt gerne für die großen Anlässe des menschlichen
Lebens: Geburtstag, Hochzeit, Geburt, Trauer, Freundschaft, Liebe,
Freizeit (Wanderlieder), Geselligkeit (Trinklieder), Feiern und Glückwünsche
- und, natürlich, Weihnachten - Neujahr (ca. 120 Titel allein für
diese Zeit des Jahres). Man wird wenig Lieder ohne menschlichen
Bezug bei ihm finden. Wie er berichtete, wollte er, aus der
Kriegsgefangenschaft nach Deutschland zurückgekehrt, unbedingt
die Idee eines "Happy Birthday" - Liedes in Deutschland
einführen, eine neue Gewohnheit, die er in den USA kennen gelernt
hatte, und er schrieb ein oder zwei solcher Lieder. Aber der
Erfolg von Clayton Summy's "Happy Birthday to You" das
mit den amerikanischen GI's nach Deutschland zurückgekommen war,
überdeckte seine eigenen Beiträge! Ungeachtet dessen schreibt er
immer noch Geburtstagsständchen für seine Freunde.
...
Franz Biebl starb am 2. Oktober 2001 - er hatte am 1. September
noch in guter Laune seinen 95. Geburtstag gefeiert.
Wir werden diesen liebenswerten, freundlichen und geduldigen
Menschen als Freund und Ratgeber in guter Erinnerung behalten. (B.
Hayo)